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Die Kunst der kühnen Unwürdigkeit – Kritik zu “Keine Zeit zu Sterben” [Spoilerfrei]

Das lange Warten hat ein Ende. James Bond ist europaweit zurück in den Kinos. Es war ein netter Film, aber er hätte so viel mehr sein können.

Einen James-Bond-Film zum ersten Mal im Kino zu sehen, war schon immer ein freudiges Ereignis. Du zählst förmlich die Stunden ab und wie ein kleiner Junge spürst du die Vorfreude, wenn du darauf wartest, dass sich die Türen zum Kinosaal öffnen. Es ist ein vertrautes Gefühl, das ich seit 1997 habe. Das gleiche ist heute passiert. Aber in den letzten Wochen gesellten sich zwei weitere Gefühle zu meinem Cocktail aus Emotionen – Unruhe und Angst.

Ich hatte während seiner Produktionsgeschichte und Marketingkampagnen viel über den neuen Film konsumiert. Die Trailer wurden unzählige Male angeschaut, jeder Schnipsel begrüßt und archiviert. Aber es lag etwas in der Luft, das mir Angst machte. Es war von einem würdigen Abschied von Daniel Craig die Rede und wie besonders dieser sein würde. Das könnte in zwei Richtungen gehen dachte ich. Nun, es ging in die Richtung, um die ich mir Sorgen gemacht hatte.

Zunächst einmal ist “Keine Zeit zu Sterben” kein schlechter Film. Ganz und gar nicht. Innerhalb seiner 163-Minuten-Laufzeit ist er vollgepackt mit aufregender Action, Humor, großartiger Kameraführung und Sounddesign. Aber das ist es schon im Grunde. Diese Beschreibung trifft gleichermaßen auf eine Vielzahl von Hollywood-Filmen zu. Was ich vermisste war die Seele von Bond, die unverwechselbare Qualität die diese Filme von allen anderen abhebt. Nein, Moment … das sagt nicht ganz aus, was ich meine. Die Seele von Bond ist da, aber eher die Art von Seele, die “Stirb an einem anderen Tag”, “Diamantenfieber” oder “Ein Quantum Trost” hatten.

Ein Heilmittel gegen Schwäche

Wieder einmal, und dies wiederholt sich bedauerlicherweise, ließ das Drehbuch zu wünschen übrig. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn die Besetzung im Vorfeld von “mehr Tiefe” und “Charakterentwicklung” spricht. Dies begann bereits 1998 während der Produktion von “Die Welt ist nicht genug”, als es einen ernsthafteren Ansatz geben sollte, wie Charaktere geschrieben werden um sie komplexer und nachempfindbarer zu machen, anstatt flach und schnell vergessen.

In den Press-Kit-Interviews der Besetzung & Crew versprachen sowohl die Schauspielerin Ana de Armas als auch Lashana Lynch, “Keine Zeit zu Sterben” würde “starke weibliche Charaktere” enthalten. Obwohl ich das in den letzten 15 Jahren bei jeder Bond-Produktion gehört hatte, war ich ein weiteres Mal hoffnungsvoll. Und dann, als ich endlich im Kino sitze, sehe ich, wie Ana de Armas’ Figur Paloma übermäßig flach und geradezu albern rüberkommt. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Händen.

Als Nomi hat Lashana Lynch in gewissem Maße Recht, wenn sie von starken weiblichen Charakteren spricht. Sie ist eine Kämpferin. Mir schien, ihr Charakter war gut geschrieben, aber die freche Art und Weise, in der die “007”-Nummernänderung durch ihre Szenen mit Bond gestreut wurde, gefiel mir gar nicht.

Safin, porträtiert von Oscar-Preisträger Rami Malek, war wohl die größte Schwachstelle. Ja, Malek hat hier wirklich eine fantastische Leistung abgeliefert und sein Bestes gegeben. Safin ist bedrohlich, psychotisch und von Rache getrieben. Es ist unheimlich ihn zu beobachten. Ich mag Schurken, die mir Angst einflößen. Aber andererseits war seine Handlung nicht greifbar. Was genau wollte er erreichen und warum? Wie kam er an die Mittel, um sein Versteck zu errichten? Es war einfach zu wenig Substanz in seinem gesamten Charakter und seinen Handlungen. Die Bedrohung war nicht greifbar.

Und dann ist da noch Daniel Craig. Man mag ihn hassen oder lieben, er hat in der Darstellung von Bond sein Bestes gegeben. Aber das haben auch alle Schauspieler vor ihm getan. Er hatte einen guten Lauf und war erfolgreich in dem, was er tat. Aber da gerade er so tief in den eigentlichen Prozess des Filmemachens eingebunden war wie kein anderer Schauspieler vor ihm, war ich überrascht, dass er so viele drastische Veränderungen billigte. Aber sein Bond in diesem Film ist gereift und ausreichend kraftvoll und energisch, wenn er es sein muss. Es gibt auch ab und zu einen peinlichen One-Liner, was mir an den Bond-Filmen schon immer gefallen hat. Das ist eine klassische Peinlichkeit, die ich mag.

Es gibt allerdings so viele Unwürdigkeiten in “Keine Zeit zu Sterben” , dass sich meine Angst in Ernüchterung verwandelte, als ich sie auf der großen Leinwand vor mir entfalten sah. Bond im Ruhestand, nicht länger der Frauenheld und mehrere radikalere Herabstufungen, die ich nicht erwähnen werde, weil unsere Freunde in den USA und anderen Territorien den Film noch nicht sehen können.

In Fortsetzung der Handlung aus der Craig-Ära von Verlust, Wut, Rache und der Aufarbeitung der Vergangenheit, die mehrere Charaktere in diesem Film erleben, erscheinen sowohl das Timing als auch die dramatische Komposition schwach und falsch. Vieles ist vorhersehbar. Das Finale ist keine Ausnahme. Aber es ist ein Finale für Daniel Craig’s Bond. Ein sehr langes und quälendes.

Bis heute haben die Produzenten kein Heilmittel gegen die Schwäche gefunden, eine Geschichte nicht glaubwürdig zu erzählen und in der alle Akte nahtlos zusammenpassen.

Die Freude am fachmännischen Handwerk

Es braucht viel, um Filme dieses Kalibers zu machen. Vor allem braucht es ein Team von Experten, die wissen was sie tun und immer bereit sind, Grenzen zu überschreiten. Dies ist beispielsweise bei der Stunt-, Special Effects-, Bühnenbild- und Kostümabteilung der Fall.

Die Eröffnungssequenz, die mit 25 Minuten die längste aller Bond-Filme ist, ist schlichtweg fantastisch. Die aufregende Verfolgungsjagd in Matera wurde mit solcher Präzision und Liebe zum Detail realisiert, dass man wirklich unruhig im Kinositz wackelt. Es war einfach brillant. Der ikonische Aston Martin DB5, der von schwarzen Jaguars und Triumph-Motorrädern energisch verfolgt wird, hätte in jedem anderen Stadtbild verschwendet ausgesehen. Matera war eine wunderbare Wahl und ist mein persönliches Highlight aus “Keine Zeit zu Sterben” .

Bond und Madeleine, die von Feinden umgeben sind während Kugeln aggressiv auf das Panzerglas des DB5 krachen, war ein meisterhaftes Beispiel für die Erzeugung von Spannung durch Soundeffekte. Es war ein Albtraum und man fühlte sich mit ihnen im Wagen gefangen.

Das Bühnenbild war ein weiteres Highlight des Films. Ob Jamaika oder die Straßen Kubas, Mark Tildesley und sein Team haben großartige Arbeit geleistet, um Sets in echter Bond-Manier zu kreieren.

Nicht zuletzt hat mir die Kameraarbeit von Linus Sandgren sehr gefallen. So viele schöne und abwechslungsreiche Aufnahmen, je nach Drehort, machen diesen Film zu einem der bestaussehenden Bond-Filme nach “Skyfall”. Ich kann mich nicht einmal an alle Einstellungen erinnern, aber die Qualität der Kameraführung gehörte zu den beständigsten Dingen in diesem Film. Einfach atemberaubend.

Alles auf einmal in die Luft jagen

“Keine Zeit zu Sterben” hat das strukturelle Fundament gebrochen, auf dem Bond seit fast 60 Jahren bequem ruht. Man hat das Gefühl, Bond wurde systematisch demontiert und auf einen Weg geführt, der nur zu diesem Finale führen konnte. War es die richtige Entscheidung? War es klug? Ich denke, die Zeit wird es zeigen. Ich bin mir nicht sicher, wie Eon Productions das Franchise weiterführen wird.

Jeder, ob eingefleischter Bond- oder Actionfilm-Fan, sucht in einem Bond-Film nach etwas anderem. Persönlich suchte ich nach etwas anderem als dem, was ich mit “Keine Zeit zu Sterben” bekommen habe. Das ist meinerseits jedoch gleichbedeutend mit der gesamten Craig-Ära. Ich möchte klarstellen, dass ich die Filme nicht hasse, ich wünschte nur, die Produzenten würden sich mehr mit der Fangemeinde auseinandersetzen um herauszufinden, was ihr ultimatives Bond-Abenteuer braucht, um relevant, glaubwürdig und stark zu bleiben.

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